"Hier sind wir" - Buch des Monats April 2019


Liebe Leserinnen und Leser,

für diesen Monat habe ich etwas ganz Besonderes für Euch: Und zwar fiel mir beim morgendlichen Aufräumen der Bibliothek „eine Anleitung zum Leben auf der Erde“ (laut Untertitel) in die Hände. Nanu, habe ich gedacht und innegehalten – denn haben wir uns gerade in Anbetracht des gesellschaftlichen und politischen Zeitgeistes nicht alle schon mal eine ebensolche Anleitung gewünscht? Einen Leitfaden, wie man es richtigmacht, dieses Leben?

Dass sich die Antwort darauf ausgerechnet in einem Bilderbuch befinden sollte, hat mich dann doch erstmal stutzig gemacht, um nicht zu sagen: skeptisch. Aber ich kann euch bestätigen: Es stimmt. Denn in „Hier sind wir: Eine Anleitung zum Leben auf der Erde“, das Autor Oliver Jeffers anlässlich der Geburt seines Sohnes geschrieben hat, verbirgt sich tatsächlich eine ganze Menge.

Was faktenreich damit beginnt, wie die Erde aussieht, wo wir uns im Weltall befinden usw., geht fließend in ein Plädoyer für ein friedliches, respektvolles Miteinander über und dafür, seine Zeit zu nutzen. Sowie die Botschaft: Egal, was kommt, du wirst nie allein sein auf der Welt.

Und das ist Trost und mahnender Hinweis zugleich, finde ich.

Man könnte das Buch einem Kind in vielleicht 20 Minuten vorlesen. Oder in einer halben Stunde, wenn man sich die Zeit nimmt und die wunderschönen Illustrationen genauer betrachtet.
Aber wenn man sich die wenigen Sätze, mit denen dieses Buch auskommt, mal genauer auf der Zunge zergehen lässt, wird schnell klar: Dieses Buch richtet sich nicht nur an Kinder. Denn die Grundhaltung der Welt gegenüber, die dabei transportiert wird, täte meiner Meinung nach auch so manchem Erwachsenen gut.

Daher lautet mein Fazit: Nehmt Euch die zwanzig Minuten und schaut mal rein. Verliert Euch in der Außenbetrachtung. Und lest es dann vielleicht nochmal von vorne. Dann wird einem nämlich erst wieder klar, wie winzig klein doch alles ist – und wie unbedeutend unsere Probleme im großen Ganzen eigentlich sind. Und das, finde ich, ist irgendwie sehr beruhigend.

Zum Schluss gibt es tatsächlich die versprochene Anleitung: „Es sind nur drei Worte, nach denen du leben musst, mein Sohn: Respekt, Rücksicht und Toleranz“, schreibt Oliver Jeffers auf der letzten Seite – und hat damit in einem Bilderbuch für Kleinkinder mehr von Bedeutung gesagt, als ich bisher in so manchem hochgelobten Roman gelesen habe.

Denn mehr braucht es tatsächlich nicht, wenn man genauer drüber nachdenkt.

Es grüßt Euch voller Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz,

Lisa Häßy

 

"Nebenan funkeln die Sterne" - Buch des Monats März 2019


Liebe Leserinnen und Leser,

manchmal sind die Dinge anders, als sie auf den ersten Blick wirken. Das gilt für Lilly Adams‘ Roman „Nebenan funkeln die Sterne“ gleich in zweierlei Hinsicht: Denn Protagonistin Emma führt in Wirklichkeit ein völlig anders Leben als das, was sie auf Instagram abbildet. Die Fotos, die sie dort aus ihrem augenscheinlichen Alltag postet, sind nur aufwendig inszeniert. Ästhetisch, aber keinesfalls echt – was jedoch keiner weiß.

Genauso wenig wie keiner weiß, dass Emma im wahren Leben kaum vor die Tür gehen kann. Nach einem schrecklichen Unfall lebt sie zurückgezogen, denn zwischenmenschlicher Kontakt überfordert sie mehr, als sie es irgendjemandem gegenüber zugeben würde, nicht einmal gegenüber ihrer Familie.

Und erst recht nicht gegenüber Nathan. Denn ihr neuer Nachbar im Apartment gegenüber, mit dem sie sich zu ihrem Entsetzen jetzt die Dachterrasse teilen muss, ist so ziemlich das Gegenteil von Emma: Lebensfroh, offenherzig und gesellig. (Okay, und gutaussehend. Aber auch das würde Emma nie zugeben.)
Kein Wunder, das die beiden einen mehr als holprigen Start miteinander haben. Aber irgendwie fasziniert sie das jeweilige Extrem des anderen auch und mit jedem Stück, das Emma sich aus ihrem Schneckenhaus hervorwagt, kommen die beiden sich näher.

Allerdings ist da ja noch die Sache mit Instagram: Denn in den verzweifelten Versuchen, bloß nicht als Hochstaplerin aufzufliegen, hat Emma sich über die Jahre immer mehr in ihren Lügenkonstrukten verstrickt und aus anfänglichen Schönspinnereien ist eine ganz neue Identität geworden – inklusive erfundenem Verlobten…

Das ist der zweite Punkt, in dem „Nebenan funkeln die Sterne“ meine Erwartungen übertroffen hat: Die Liebesgeschichte steht gar nicht mal im Vordergrund. Vielmehr geht es um die Schattenseiten des schönen Scheins, der uns in sozialen Netzwerken andauernd begegnet, und um die Folgen von erst nur winzigen Notlügen, die sich bald zu etwas aufbauschen, das viel größer ist als wir selbst.

Mir persönlich hat die Umsetzung von Emmas Zwiespalts sehr gut gefallen! - und vor allem auch zum Nachdenken gebracht: Denn versuchen wir nicht alle hin und wieder, uns besser darzustellen als wir sind? Suchen wir nicht alle nach dem besten Winkel für ein Selfie? Und habe ich nicht auch diesen Artikel Satz für Satz überarbeitet, damit er sich möglichst gut liest?
(Beziehungsweise, ist das alles überhaupt verwerflich?)

Mit so einer Tiefe hatte ich zu Beginn des Buches ehrlich gesagt nicht gerechnet – genauso wenig wie mit der Botschaft, dass es nicht darum geht, perfekt und unversehrt durchs Leben zu gehen, weil das sowieso unmöglich ist. Sondern dass es viel mehr darauf ankommt, was wir daraus machen. Denn nicht nur Emma hat bei dem Unfall, über den sie nicht spricht, etwas erlebt, das sie verändert hat…

Daher gibt es von mir eine ganz klare Empfehlung für alle, die gerne im Drama-Genre lesen, aber (ACHTUNG, SPOILER J) auch etwas für Happy Ends übrig haben.

Es grüßt ganz begeistert

Lisa Häßy

 

"Fräulein Nettes kurzer Sommer" - Buch des Monats Februar 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

vorne im Einband der Stammbaum derer von Haxthausen, alter Landadel aus dem Westfälischen, hinten im Einband eine Karte mit dem Bewegungsradius eben dieser Familie. Nicht mehr als 200 km im Umkreis des Stammsitzes Bökerhof bei Paderborn.
Ein gesellschaftlicher und geographischer Mikrokosmos zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Und mittendrin die Hauptperson: Fräulein Nette, heute besser bekannt als Annette von Droste-Hülshoff.
Dass sie einmal eine der bedeutendsten deutschen Dichterinnen sein wird, weiß sie zum Zeitpunkt der Handlung natürlich noch nicht.

 

Es ist die eine Geschichte über Liebe und Leidenschaft.
Sommer 1820, Fräulein Nette ist jung, gebildet, voller Tatendrang und blitzgescheit. Sie verliebt sich in einen Freund der Familie, leider nicht standesgemäß. Sie liebt das Singen, Schreiben und Diskutieren, das ist leider auch nicht standesgemäß. Denn wie soll eine junge Frau, zumal wenn adelig, in dieser Zeit sein? Sittsam, bescheiden und rein. Genau so. Mehr nicht. Und damit ist ausreichend Stoff für einen spannenden Roman vorhanden.

Der hervorragend recherchierte Roman ist allerdings weit mehr als ein Ausschnitt aus dem Leben der jungen Droste. Er ist vielmehr ein Sittengemälde par excellence der Zeit nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft, nach der Neuordnung Europas am Vorabend der gesellschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts. 
Denken und forschen, leben und arbeiten im Spannungsfeld zwischen Restauration und Aufbruch. Geschildert am Beispiel der Adelsfamilie von Haxthausen und Droste-Hülshoff.
Die einen halten fest am Glauben, an Regeln und Konventionen, an Stand und Rang und Namen. Andere streben nach Erneuerung und Entdeckung, nach Wissen und Macht, nach Teilhabe in jeder Hinsicht. Das eine wie das andere ist Männersache.
Das muss gerade die hochbegabte, wissbegierige und bildungshungrige  Annette von Droste-Hülshoff schmerzhaft erfahren. Während Männer forschen, entdecken, schreiben (zum Beispiel Humboldt die Welt, Montgolfier die Luftfahrt, Franklin den Blitzableiter, Heine die Erneuerung der Literatur und die Gebrüder Grimm die Märchen) werden ambitionierte Frauen wie die Droste in ihrem Milieu dazu gezwungen, ihre Lebenszeit mit unfassbar stumpfsinnigen Arbeiten regelrecht zu verplempern.

Hochinteressant und spannend dabei das Drumherum. Da schöpft die Autorin aus dem Vollen. Sie beschreibt wie man aß und trank, wie man wohnte und lebte, wie man sich kleidete und reiste, wie man auf adeligen Landsitzen die Zeit totschlug und in Wirtshäusern zechte, wie man miteinander redete oder auch nicht, wie man intrigierte, die Fesseln von Glauben und Konvention aufrechterhielt oder versuchte, sie zu sprengen.

Und wer das liest ist mittendrin.  Satte 600 Seiten großes Kopfkino. Karen Duve hat einen historischen Roman geschrieben, und was für einen. Chapeau! Fesselnd, packend, erhellend, lesenswert!

Es grüßt Petra Goerge,
die nach dieser Lektüre nicht nur das Euskirchener Stadtmodell mit anderen Augen sieht.

P.S. Ein herzlicher Gruß und Dank an die ehemalige Kollegin Ursula Hensel, die mir diesen Roman so sehr ans Herz gelegt hat.

 

" Thalamus" - Buch des Monats Januar 2019

Liebe Leserinnen und Leser,

pünktlich zum Jahresbeginn melde ich mich mit einem neuen Buch des Monats zurück!
An dieser Stelle also erstmal ganz frisch ein „frohes Neues“ an Euch. :)

Da ich finde, dass man ein neues (Lese-)Jahr am besten mit einem richtig, richtig guten Buch einleiten sollte, war die Auswahl dieses Mal ganz schön kniffelig.
Aber ich glaube, ich habe genauso ein Highlight für euch gefunden:

Thalamus von Ursula Poznanski ist mir ursprünglich durch das sehr stimmungsvolle Cover aufgefallen.
Der Klappentext hat dann meine Neugier umso mehr geweckt.

Timo ist siebzehn Jahre alt, als er sich bei einem Unfall mit seinem Motorroller schwere Kopfverletzungen zuzieht - die Folge:
Der Verlust seiner Sprachfähigkeit und erheblich gestörte Feinmotorik.
Im Markwaldhof, einem speziellen Rehabilitationszentrum mit hervorragendem Ruf, nimmt man sich seiner Probleme an.

Doch schon bald stellt Timo fest, dass nachts merkwürdige Dinge in der Kurklinik vor sich gehen: Sein Bettnachbar, der im Wachkoma liegt und eigentlich als hoffnungsloser Fall gilt, läuft wie kerngesund herum und droht Timo umzubringen, nur um tagsüber wieder völlig regungslos dazuliegen.

Anfangs glaubt Timo noch an Halluzinationen, doch bald beginnt er, eine fremde Stimme in seinem Kopf zu hören, die immer wieder sagt: Hol Hilfe…

Wer meinen Vorstellungs-Blogartikel gelesen hat, erinnert sich vielleicht daran, dass Thriller und Co. eigentlich gar nicht mein Genre sind – zu spannend, zu nervenaufreibend.

Aber warum sollte man nicht mal über den eigenen Tellerrand schauen, dachte ich mir – und habe es absolut nicht bereut: Dieses Buch hat mich schon in den ersten Kapiteln so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte und in eineinhalb Tagen durchgelesen habe.
Die Art, wie Ursula Poznanski Timos Zweifel an seiner eigenen Wahrnehmung und sowie seine Unfähigkeit sich mitzuteilen rüberbringt, ist unglaublich beklemmend und packend zugleich.

Der Kontrollverlust in Verbindung mit einem Hauch Mystik und Science-Fiction machen den Roman zu einem wahren Page-Turner.
Besonders interessant fand ich auch das Nachwort, in welchem die Autorin auf den wissenschaftlichen Hintergrund eingeht.

Von mir gibt es auf jeden Fall eine Empfehlung für alle, die gerne Spannendes lesen und sich für aktuelle Forschungsthemen interessieren.

Ich für meinen Teil werde jetzt wohl auch den anderen Büchern der Autorin eine Chance geben, denn ich muss zugeben, ich bin auf den Geschmack gekommen. :)

 

Es grüßt Euch ganz schön „gethrillt“

Lisa Häßy

 

"David und der Weihnachtskarpfen" - Buch des Monats Dezember 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

bald ist es soweit: In dreieinhalb Wochen ist bereits Heiligabend! Eigentlich höchste Zeit, ein weihnachtliches Buch zu lesen, findet Ihr nicht?

Da ich aber gut verstehen kann, wenn einem angesichts der Reizüberflutung in den Geschäften die Adventsstimmung schon im Vorfeld vergeht, habe ich mit „David und der Weihnachtskarpfen“ von Jan Procházka ein Weihnachtsbuch für Euch rausgesucht, das ganz ohne Rentiere, Männer mit weißem Rauschebart oder Wichteln auskommt: Stattdessen nur einen Jungen, dessen Vater und… einen Karpfen.

Der ist nämlich als Feiertagsessen für die Familie gedacht und wartet, in der Badewanne schwimmend, auf sein trauriges Ende. David jedoch kann sich mit dem Gedanken, dass der Fisch auf dem Teller landet, mit jedem Tag weniger anfreunden. Deshalb beschließt er, alles daran zu setzen, den Karpfen zu retten – zum Missfallen seiner Eltern, die der Fisch viel Geld gekostet hat und die sich eigentlich schon auf das Festmahl freuen…

Ohne zu viel vom Ende vorwegnehmen zu wollen, ist es eine wirklich schöne, herzerwärmende Geschichte, die eben nicht mit den Klischee-Elementen einer Adventsgeschichte aufwarten muss, um den wahren Geist von Weihnachten zu verbreiten.

Wer also auf der Suche nach einer Weihnachtsgeschichte der anderen Art ist, dem kann ich Procházkas Buch wärmstens ans Herz legen, egal ob jung, ob alt, ob Karpfenesser oder nicht J

Und auch wenn es schon mehr als 40 Jahre alt ist, ist das Buch meiner Meinung nach ideal, um mit dem Jahr 2018 abzuschließen und sich auf das Wesentliche zu besinnen.

In diesem Sinne schon mal von meiner Seite schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Bleibt gesund und lest uns auch im nächsten Jahr weiter – das würde mich freuen J

Viele (vor-)weihnachtliche Grüße,

Eure Lisa Häßy

 

"Kittel, Keime, Katastrophen" - Buch des Monats November 2018

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Gesundheit! Gesundheit! Gesundheit! - Überall wird gerade geniest und gehustet. Die alljährliche Erkältungswelle ist in vollem Gange und arbeitet sich, zusammen mit anderen hoch unliebsamen Bazillen, einmal quer durchs Land.         
Natürlich hoffe ich, dass es Euch noch nicht erwischt hat und schon gar nicht schlimmer. Doch für den Fall der Fälle habe ich das passende Buch des Monats für Euch gefunden!

„Kittel, Keime, Katastrophen“ von Heinz-Wilhelm Esser, einigen von Euch vielleicht besser bekannt als Doc Esser aus dem WDR Fernsehen, beschäftigt sich nämlich mit dem manchmal fast schon abenteuerlichen Alltag in unseren Krankenhäusern.           
Aus erster Hand berichtet der Notfallmediziner und Lungenfacharzt von seiner Arbeit und weiß auch so manche Anekdote zu erzählen.
Schnell wird klar: Der wirkliche Alltag im Krankenhaus hat herzlich wenig mit dem zu tun, was uns in Serien ala „Grey’s Anatomy“ oder „Doctor’s Diary“ vermittelt wird.

„Kittel, Keime, Katastrophen“ räumt mit zahlreichen solcher Klischees auf und bietet dem Leser stattdessen sachdienliche Informationen rund ums Kranksein – von allgemeinen Patientenrechten über multiresistente Keime, Narkosen und Schmerzempfinden bis hin zur Patientenverfügung.

Dabei führt der Autor trotz der ernsten Thematik mit viel Witz und Charme und manchmal auch mit einem Augenzwinkern durch sein Buch (Stichwort: Google-Wissen von Patienten) und bietet dem Leser somit einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen – vor allem dann, wenn es um das deutsche Gesundheitswesen allgemein geht.     
Dabei kommt er zu dem Schluss: Ärzte und Pfleger sind auch nur Menschen. Und hilft es ungemein, ihnen auch als solchen zu begegnen – trotz oder gerade wegen der unangenehmen Umstände, die einen erst ins Krankenhaus gebracht haben.

Denn dass niemand gerne krank ist, auch Ärzte nicht, versteht sich von selbst. Dennoch war es sehr unterhaltsam zu lesen, wie unterschiedlich ein Arzt das Krankenhaus wahrnehmen kann, je nach dem, ob er beruflich oder selbst Patient da ist :-)

Wir wollen es nicht hoffen, aber wem ein Klinikaufenthalt bevorsteht, der ist mit diesem Buch auf jeden Fall dafür gewappnet – oder weiß sich zumindest ein wenig abzulenken und die Zeit zu vertreiben :-)

In diesem Sinne – bleibt gesund (beziehungsweise gute Besserung an alle, die es schon erwischt hat)!

Keimfreie Grüße,

Eure Lisa Häßy

 

"Echo Boy" - Buch des Monats Oktober 2018


Liebe Leserinnen und Leser,

Ein persönlicher Diener, der ohne Beanstanden alles erledigt, was Ihr ihm auftragt  und nie müde oder krank wird – klingt das nicht toll? In Matt Haigs Roman „Echo Boy“ ist das ganz normal. Fast jede Familie verfügt im Jahr 2115 über solch einen Alltags-Gehilfen. Die sogenannten „Echos“ sind jedoch keine Angestellten im eigentlichen Sinne: Denn sie sind gar keine Menschen, sondern hochentwickelte Roboter – ausschließlich dazu geschaffen, das Leben der Menschen zu erleichtern. Umso verwirrter ist die fünfzehnjährige Audrey, als der Echo ihrer Familie, Alissa, augenscheinlich Fehlfunktionen zeigt. Aus den harmlosen Sprachstörungen und dem zwanghaften Wiederholen immer gleicher Tätigkeiten wird jedoch schlagartig bitterer Ernst, als Alissa plötzlich komplett durchdreht und Audreys Eltern tötet. Audrey selbst entkommt nur knapp. Plötzlich auf sich allein gestellt und tief traumatisiert von dem, was sie gesehen hat, wendet sie sich an ihren Onkel, der sie umgehend bei sich aufnimmt. Der Haken an der Sache: Er ist Chef eines Echo-Konzerns und sein Haus voll mit Robotern – ein Albtraum für Audrey. Und als wäre das nicht genug, ist da noch ein ganz spezieller Echo, der ihr trotz ihrer Angst auffällt: Denn der Prototyp Daniel ist anders als die anderen. Viel feinmotorischer, filigraner und es wirkt fast so, als hätte er etwas wie… eine Persönlichkeit. Aber ist das überhaupt möglich? Wo er doch gar kein richtiger Mensch ist?

Matt Haig nimmt den Leser in „Echo Boy“ mit auf eine Reise, die sich rund um die Frage dreht: Was heißt es eigentlich, Mensch zu sein?

Zugegebenermaßen wird diese Frage im Zuge des technologischen Fortschritts immer wieder diskutiert und in der Literatur wie auch im Film zur Genüge behandelt. Doch selten habe ich diese Debatte so intensiv erlebt wie in „Echo Boy“. Denn trotz der spannenden Grundgeschichte besticht dieses Buch weniger durch ausschweifende Action-Szenen als durch Introspektive und Tiefgang. Durch wechselnde Erzählperspektiven von Audrey und Daniel kann der Leser an beider Gedanken teilhaben und stellt schnell fest: Der Unterschied zwischen dem „echten“ Menschen und dem, der nur seinem Programm nach vorgibt, einer zu sein, ist kaum spürbar.

Mich hat das Buch gleichermaßen begeistert wie auch sehr nachdenklich zurückgelassen. Denn die Welt, die Haig für in hundert Jahren prognostiziert, scheint gar nicht so abwegig. Abgesehen von den Echos und selbstfahrenden Autos sowie allerhand technischem Schnickschnack in den Haushalten haben sich die Menschen kaum verändert. Und auch Audrey muss bald lernen, dass es Habgier, Machtversessenheit und falsche Gesichter auch 2115 gibt…

Wer Lust auf ein spannendes und philosophisches, zeitweise beklemmendes Buch hat, bei dem aber trotzdem nie die Hoffnung vergeht, der sollte bei „Echo Boy“ definitiv zugreifen!

Es grüßt Euch Eure ganz bestimmt menschliche

Lisa Häßy

 

"Mein bester letzter Sommer" - Buch des Monats September 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

der Sommer 2018 neigt sich allmählich dem Ende zu – aber was für ein Sommer das war! Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber hebt so viel Sonnenschein am Tag nicht sofort die Stimmung?

Leider gilt das nicht für Tessa. Die Protagonistin aus Anne Freytags Roman „Mein bester letzter Sommer“ kann dem allgemeinen Hoch-Lebensgefühl im Sommer nichts abgewinnen – dazu lastet die Gewissheit, dass sie aufgrund ihrer Herzerkrankung nur noch wenige Wochen zu leben hat, viel zu schwer auf ihr.

Beim Tod quasi in der Warteschleife, lässt die Siebzehnjährige die Tage an sich vorbeiziehen und verbringt ihr Leben im Wechsel in Arztpraxen, Krankenhäusern und ihrem Zimmer.
Denn warum sollte sie sich um Freunde, Hobbies oder um ihren Führerschein kümmern, wenn sowieso jede Minute alles vorbei sein könnte?

Doch dann kommt es zu einer Begegnung in der U-Bahn, die alles verändert. Der Junge mit den intensiven Augen geht Tessa nicht mehr aus dem Kopf. Und wie der Zufall es so will, bleibt es nicht bei dieser einen Begegnung, denn Oskars und Tessas Wege kreuzen sich auf wundersame Weise erneut und die bisher sehr triste Welt der Siebzehnjährigen wird komplett auf den Kopf gestellt.

Denn auch wenn Tessa anfangs noch mit sich ringt – dürfen sich unheilbar Kranke eigentlich verlieben? –, färbt Oskars lebensfrohe Art mehr und mehr auf sie ab. Und so befindet sie sich, ehe sie sich versieht, mit Oskar auf dem Weg nach Italien – nichtsahnend, dass dieser Roadtrip in dem klapprigen Volvo sich als die beste Zeit ihres Lebens entpuppen würde.

Denn nicht nur, dass sie zum ersten Mal ihre gewohnte Welt verlässt, begreift sie durch Oskar auch, dass man sich besser auf die Tage zu konzentrieren sollte, die man hat, als die runterzuzählen, die einem vielleicht noch bleiben, frei nach dem Motto:

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

So losgelöst von allem erlebt Tessa die glücklichste Zeit ihres Lebens – und das färbt ab: Schon beim Lesen spürt man die Wärme und das dolce-vita-Lebensgefühl Italiens.
Ich wurde nicht nur einmal von einer plötzlichen Sehnsucht nach Meer und Strand ergriffen, nach einer Kugel Eis in der Abendsonne oder Sand unter den Füßen.
Ich bin mir sicher, Euch wird es beim Lesen genauso gehen.

 

Mich hat das Buch tief beeindruckt. Romantisch, aber ungeschönt führt Anne Freytag durch die Geschichte, die auf tragische Weise realistisch und so bittersüß ist wie das Leben selbst.

Das Buch besticht außerdem durch einen wundervollen Schreibstil. Es lohnt sich, jeden Absatz ganz bewusst und einige Passagen sogar mehrfach zu lesen und die Wortwahl zu genießen – denn Anne Freytag beschreibt in ihrem ersten Jugendroman wirklich meisterhaft, sodass man vollends in die Geschichte hineingesogen wird.

Und vor allen Dingen kommt man bei dieser Geschichte ans Nachdenken: Über das Leben, die Liebe, Schicksal, Gerechtigkeit und vor allem darüber, dass man seine Zeit nutzen sollte und dass Carpe Diem mehr ist als nur eine Phrase.

Für mich ist „Mein bester letzter Sommer“ das ideale Buch, um mit dem Sommer abzuschließen – oder die letzten Sonnenstrahlen eben ganz bewusst zu erleben.

 

Es grüßt Euch sommerlich-nachdenklich

Lisa Häßy

 

"Niederländisch für Dummies" - Buch des Monats August 2018


Dag, liebe Leserinnen und Leser!

Zählt Ihr schon voller Vorfreude die Tage bis zum Urlaub?
Oder seid Ihr gerade schon op vakantie? Vielleicht sogar auf dem Weg in die Niederlande?
Denn dann ist unser neues boek van de maand genau das Richtige für Euch!

Ich habe mir demletzt den „Niederländisch für Dummies“-Sprachkurs von Margreet Kwakernaak genauer angeschaut – eigentlich nicht mit der Intention, daraus ein Buch des Monats zu machen, sondern aus eigenem (Urlaubs-) Interesse.
Ein Großteil der deutschen Urlauber reist nämlich in die Niederlande, die klischeemäßig für Windmühlen, Tulpen und eine große Käsevielfalt bekannt sind.

Seid Ihr vielleicht auch darunter? Dann kann ich Euch das Lehrwerk aus der „Für-Dummies“-Reihe nur wärmstens ans Herz legen!

Denn wie der Name schon sagt, werden die wichtigsten Aspekte der niederländischen Sprache dort einfach und verständlich erklärt. Es sind keinerlei Vorkenntnisse erforderlich, weder in der niederländischen Sprache selbst noch bei allgemeinen grammatikalischen Begrifflichkeiten – alles wird schrittweise im Verlauf des Buches erklärt. Dadurch bleibt das Lerntempo durchgehend moderat und angenehm.

Vor allen Dingen fand ich es toll, dass wichtige Regeln am Ende einer neuen Lerneinheit nochmal in wenigen Sätzen zusammengefasst und gesondert hervorgehoben werden. Genauso wie den Verzicht auf Ausspracheanleitungen in Lautschrift, die oft eine gewisse Hemmschwelle mit sich bringt.

Im vorliegenden Werk wird die Intonation stattdessen in normalen Buchstaben ausgedrückt. In dieser Hinsicht hat sich ebenfalls die beiliegende Audio-CD als hilfreich erwiesen, mit welcher man sich alle Dialoge des Buches anhören kann.

Außerdem vermittelt das Buch auf über 350 Seiten allerlei Wissenswertes zum Land selbst und der Kultur der Niederländer, sodass man wirklich Lust bekommt, das Gelernte direkt vor Ort auszuprobieren – zum Beispiel, um een kopje koffie in einem Café zu bestellen oder sich, ganz typisch Niederländisch, über das Wetter auszulassen.

Wer mehr als Goedemorgen! und Dank je wel! sagen möchte, ist hier also genau richtig.

Der einzige Nachteil an „Niederländisch für Dummies“ sind die fehlenden Praxisübungen.

Dennoch es handelt sich wirklich um ein umfassendes Werk, das bei mir definitiv die Begeisterung an einer neuen Sprache wecken konnte.
Und wer weiß –vielleicht verschlägt es mich nächsten Sommer auch als eine der zwei Drittel naar Nederland, um meine neu erlangten (und bis dahin hoffentlich tüchtig ausgebauten!) Sprachfähigkeiten anzuwenden ;-)

Allen, die vielleicht ähnliches vorhaben, kann ich das Buch nur empfehlen.

Es grüßt Euch Eure Möchtegern-Nederlandse („Groetjes!“)

Lisa Häßy

 

(Bildnachweis: Foto eines Exemplars aus dem Bibliotheksbestand)

"Leere Herzen" - Buch des Monats Juli 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

Wir schreiben das Jahr 2025. Bundeskanzlerin Merkel ist abgewählt. Deutschland wird seit geraumer Zeit von einer rechtspopulistischen Partei regiert, befindet sich in einem demokratischen Dämmerzustand und damit auf dem besten Weg in einen Überwachungsstaat. Die politische Opposition unsichtbar, die Bevölkerung leise. Politische Diskussionen, Konflikte jeglicher Art auszutragen gilt als Tabu. Die gutsituierten Menschen haben es sich gemütlich gemacht in ihren schönen, durchdesignten Stadtwohnungen oder den romantisch verklärten Rückzugsorten auf dem Land. Statt des Geistes wird der Körper trainiert. Dies im Übrigen gerne auch öffentlich, stellt doch der Staat gut sichtbare Trainingsplätze für jedermann zur Verfügung, zum Beispiel auf Straßenkreuzungen. Weniger gut situierte Leute schlagen sich so durch, machen sich unsichtbar.

So erscheint das Leben wie ein langer ruhiger Fluss. Ob Sojalatte oder wilde Gärten – es plätschert so dahin. Während die Kinder an den Playstations verrohen täuschen die Erwachsenen ein unbeschwertes Leben vor. Kann gerne so bleiben. Bei einer Umfrage zieht der größte Teil der Staatsbürger eine neue Waschmaschine dem Wahlrecht vor. Kein Witz. In diesem watteweichen, ja beliebigen Leben kommt die Protagonistin Britta mit einer Geschäftsidee daher, so unerwartet unverfroren wie verwegen, so kühn wie erfolgreich. Brittas kalte Geschäfte treiben die Geschichte voran, immer schneller, gefährlich und atemlos. Die gutbürgerliche Fassade bekommt Risse, Kälte und Skrupellosigkeit treten hervor.

Juli Zeh legt mit „Leere Herzen“ einen Politthriller vor, der seinesgleichen sucht. Einmal in die Geschichte eingestiegen, einmal die Unverfrorenheit der Geschäftsidee mit all ihren Konsequenzen verstanden, lässt einen die Geschichte nicht mehr los. Was ist da los? Wo führt das hin? Wie geht das aus? Man muss es wissen!

„Leere Herzen“ kann es in gesellschaftlicher Brisanz und intellektueller Scharfsinnigkeit mit Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ aufnehmen. Unbedingt. Liest sich nur viel leichter.

Klar, mutig, unverfälscht, humorvoll und in jeder Zeile: Spannend! Spannend! Spannend!

Es grüßt Petra Goerge,

die „Leere Herzen“ an einem Tag durchgelesen und danach beschlossen hat, zukünftig alles von Juli Zeh zu lesen. Echt.

(Bildnachweis: https://www.randomhouse.de/Buch/Leere-Herzen/Juli-Zeh/Luchterhand-literaturverlag/e503348.rhd)